“He, Sie da! Absteigen bitte!” rief die Frau vom Ordnungsamt dem vorbeisausenden Radfahrer hinterher. – Seit Kurzem ist die Hälfte der Rütlistraße “Privatstraße”. Auto-, Motorrad-, und Fahrradverkehr sind von nun an auf dem ohnehin schon verkehrsberuhigten Abschnitt verboten. Nun ist es nicht gerade angenehm mit dem Fahrrad über schlaglöcheriges Kopfsteinpflaster zu holpern. Aber es ist regelrecht lästig, abzusteigen und das Fahrrad mit Kleinkind im Gepäck bis vor die Kita zu schieben. Wie kann es sein, dass eine Straße, die zwei große staatliche Bildungseinrichtungen – und davon abgesehen nur noch eine Handvoll Schrebergärten – beherbergt, zur Privatstraße gemacht wird? Campus Rütli schön und gut – aber warum Fahrräder verbieten? Und was hat es mit dieser Privatisierung wohl wirklich auf sich?
Advent mit Tuddl
16 DezAm 11. und 12. Dezember fand hier im Reuterkiez der Advents-Parcours 2010 statt, eine Art künstlerischer Weihnachtsmarkt, verteilt auf knapp 40 Galerien (und Buchläden und anderen kleinen Geschäften) im Kiez. Ich habe lange nicht alle Locations besucht, aber von denen, die ich besucht habe, sind mir zwei in besonderer Erinnerung geblieben.
Zum einen das “royale Basteln” bei der Buchkönigin. Es war schon putzig mitanzusehen, wie die Erwachsenen emsig an dem mit Garn, Watte, Glanzpapier, Erdnüssen und anderen Bastelutensilien beladenen Tisch saßen und Baumschmuck bastelten. Zugegebenermaßen bereitete auch mir das Basteln – wie lange habe ich schon nicht mehr gebastelt? – eine geradezu kindische Freude. Die tatsächlichen Kinder waren derweil nur an den leckeren Waffeln interessiert. Hier ist meine Weihnachtsbiene, die ich nach dem (viel besser gelungenen) Entwurf von Buchköniginfreundin Judith gebastelt habe:

Der Preis für die beste und spektakulärste Ausstellung im Advents-Parcours muss aber an die Galerie Crystal Ball auf der Schönleinstraße gehen. Zur Ausstellung “Tuddl – Neue Arbeiten” war auch der scheue Künstler Tuddl anwesend, ein schwarzer Kater mit grünen Augen. Das Oeuvre Tuddls, insbesondere die größeren Acrylarbeiten auf Leinwand, ist kompromisslos zeitgenössisch; es ist aber auch stets ein ironisches Kopfnicken in Richtung Jackson Pollocks zu vernehmen. Hier haben wir es sicher mit einem der vielversprechendsten Künstler seiner Generation und Spezies zu tun. Aus Rücksicht auf die geringe Körpergröße des Künstlers waren alle Werke Tuddls in Kniehöhe aufgehängt. Darüber hingen Arbeiten menschlicher Künstlerkollegen, die sich mit dem Thema “Katze und Kunst” beschäftigen.
Hier die Galerie von außen:
Schöner arbeiten
9 DezUnser Vermieter, Harry Gerlach GmbH, hat die Ladenflächen unter unserer Wohnung an drei junge Frauenteams vermietet: die Buchkönigin, von dem schon gebührend die Rede war, das Wostel, ein Coworking Space, und der Hüttenpalast, ein Kreativhotel.
Das Wostel öffnet morgen seine Pforten zum ersten Mal offiziell. Gestern schauten wir neugierig bibbernd in das Fenster hinein, als Marie vom Wostel uns freundlicherweise auf eine inoffizielle Besichtigung einlud. Die zu vermieteten Arbeitsplätze sind alle ausgestattet mit handverlesenen Möbelstücken aus den 30er bis 60er Jahren. Alles sehr atmosphärisch und gemütlich. Hier sind die ersten Fotos:
Ich mag Berlin
24 NovMontag war einer dieser grauen Tage, die in Berlin grauer sind als irgendwo anders. Meine Freundin aus Lübeck war gerade wieder abgereist und ließ mich zurück mit der Feststellung, dass sie Berlin einfach unerträglich fände. Dabei war am Sonntag noch richtig tolles Wetter. Was hätte sie nur gesagt, wenn sie bis Montag geblieben wäre?
Das einzige, worauf ich Lust hatte, war, mich mit Hollywood-Weltuntergangsszenarien mit vielen Special Effects vollzudröhnen, als ich mich auf den Weg machte, meinen Sohn von der Kita abzuholen. Der Regen platschte kalt und unbarmherzig auf die Straße und der Himmel war viel zu dunkel für sechzehn Uhr. Am Morgen hatte es ein gemeinsames Krippenfrühstück gegeben. Olaf*, der eigentlich aus Süddeutschland kommt, grummelte, dass in Berlin nie jemand Zeit hätte, sich zu treffen. Katha, die nach einigen Jahren im baskenländischen Idyll zum Beenden ihres Studiums mit ihrem baskischen Mann und ihrer halbbaskischen Tochter zurück nach Berlin gekommen ist, stimmte freudig in das Klagelied ein. In Berlin ist alles so laut und grau und groß und hektisch. Im Baskenland dagegen ist es grün und friedlich und sonnig und alle haben sich lieb. Weiterlesen
Martin, Moritz, Mesut und Muhamad
6 NovWas machen die Jungs? von Nikolaus Heidelbach ist ein wunderbares Alphabet-Buch mit einfachen Sätzen und oft bizarren Bildern. Für meine freitagmorgendlichen Lesestunden an der Elbe-Schule habe ich mir dieses Buch aus der Stadtbibliothek Neukölln ausgeliehen. In der JÜL-Klasse von Frau Bauer* sind Kinder mindestens sechs verschiedener Nationalitäten, keine davon ist deutsch. Sie sind zwischen 6 und 9 Jahre, eigentlich erste und zweite Klasse, wobei einige von ihnen bereits in ihrem dritten Jahr sind. (In JÜL-Sprech darf man solche Wörter wie “sitzenbleiben” oder “Klasse wiederholen” nicht sagen, allerdings habe ich noch nicht verstanden, warum nicht.)
Als erstes kommt Ranim ins Zimmer. Sie blättert im Buch und stellt schnell fest, dass es sich um ein ABC-Buch handelt.
“Jetzt kommt F… G… H…” Sie freut sich über ihr Wissen, wir schauen uns die Bilder an und reden darüber. Bei den Jungsnamen stolpert sie allerdings jedes Mal: Erich, Josef, Karl, Paul, Torsten. Solche Namen kennt Ranim nicht.
Dann kommt Akif, ein kleiner Junge mit leiser, heiserer Stimme. Weiterlesen
Ein Chamäleon für die Buchkönigin
27 OktInterview vom 15.10.2010
Unsere Augen bleiben immer wieder hängen an der eklektischen und täglich sich verändernden Schaufensterbücherauswahl der Buchkönigin in der Hobrechtstraße 65. Die Mumintrolle von Tove Jansson , ein Buch mit Vulva-Geschichten, der neue Comic-Strip-Band von Katz & Goldt und natürlich der neue Murakami, The Glorious Nosebleed von Edward Gorey, einige arabische Autorinnen, sogar Fußballgeschichten kann man hier finden. Sie sind noch gar nicht so lange hier, aber wegdenken können wir sie uns schon jetzt nicht mehr. Sorgen machen wir uns trotzdem ein bisschen um sie. Was für ein unverschämter Mut doch dazu gehören muss, so einen kleinen, wenn auch gut sortierten, Buchladen aufzumachen! Die Buchköniginnen gegen Amazon, Hugendubel und Thalia. (Ich würde gerne dazu schreiben: „Und das in Neukölln!“ – Aber wir wissen ja seit einiger Zeit, dass Nord-Neukölln schon lange nicht mehr der unwahrscheinlichste Ort in Berlin ist, um mit Nischenkultur, Biowaren und internationaler Cuisine zu punkten.) Wir möchten gerne mehr darüber erfahren, wer Hannah und Nina sind, was sie antreibt, und was sie über den Reuterkiez denken. Freitag Abend nach Ladenschluss kommen sie zu uns ins Wohnzimmer. Bei einer Flasche Rotwein (jaja, Gentrifizierung…) machen wir es uns bequem.
Mo: Was ist euer Hintergrund, was habt ihr gemacht, bevor ihr den Buchladen aufgemacht habt?
Hannah: Ich habe Literaturwissenschaft und Theaterwissenschaft studiert, in Mainz, war dann in London, wo ich für eine Umweltorganisation arbeitete, und in Warschau als Sprachlehrerin. Danach machte ich in Berlin Volontariat, Schwerpunkt Wirtschafts- und Verbraucherjournalismus, arbeitete beim Radio, aber gar nicht so lange, und dann kam mir diese Buchladenidee in die Quere, und seitdem bin ich Buchhändlerin.
Ulli: Und du, Nina?
Nina: Ich bin gelernte Buchhändlerin. Weiterlesen
“Geige statt Gangster”
26 OktAuf Spiegel Online erschien heute wieder einmal ein Artikel über die Entwicklung der ehemals berüchtigten Rütlischule zum millionenschweren Vorzeigeprojekt Campus Rütli.
Schlimmster Satz: “[...] die Vorzeige-Schule befindet sich im Herzen des Reuter-Kiezes, besser bekannt als Kreuzkölln, dem Teil von Berlin, der seit einiger Zeit zum neuen Szene-Viertel avanciert.“
Kreuzkölln, das geht gar nicht, wie hier nachzulesen ist.
Die drei Absätze, Weiterlesen







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